Entkoffeinierter Kaffee – wie geht und schmeckt das?

Entkoffeinierter Kaffee – wie geht und schmeckt das?

Das Interesse und der Markt für entkoffeinierten Kaffee wächst stetig. Wir klären, woher Decaf kommt, wer ihn entkoffeiniert, wie er geschmacklich noch besser sein kann und warum er undemokratisch ist.

Bis vor kurzem dachte ich bei entkoffeiniertem Kaffee an Kopfschmerzen. Ich trinke Kaffee primär aus Gründen des Genusses, bestreite aber nicht die Wirkung des Koffeins auf mich, das mich in seiner Abwesenheit mit Kopfschmerzen heimsucht. Es resultiert eine etwas schwierige Dreiecksbeziehung zwischen einer Tasse Kaffee, dem Koffein und mir als Kaffeetrinker.

Diese Situation wollte ich überprüfen und habe mir vorgenommen, einen Monat nur entkoffeinierten Kaffee zu trinken. Ich nannte das meinen Decaf December. In der Vorbereitung darauf habe ich einen Monat vor Beginn meines Koffein-abstinenten Monats täglich meinen Kaffeekonsum umgestellt: 

Decaf Close up

Unser Sueño - der Decaf aus Mexiko von der Rancho San Felipe

Ich habe jeden Tag 5% der abgewogenen Kaffeebohnen für einen Filterkaffee mit unseren Decaf-Bohnen ersetzt. Nach knapp einem Monat fühlte ich mich bereit für den Decaf December.

Dachte ich.

Willkommen in einer anderen Welt

“Decaf” ist nicht nur eine andere Art von Kaffeegetränk, es ist ein eigener Kosmos:

entkoffeinierter Kaffee schmeckt oft anders als unbehandelter Kaffee. Entkoffeinierter Kaffee sollte anders geröstet und zubereitet werden, und der Markt hinter der Bohne ist total konzentriert auf wenige Key Player.

Das Interesse an entkoffeiniertem Kaffee hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wir spüren das als Rösterei, jährlich rösten wir mehr entkoffeinierten Kaffee. Die Gründe für das gestiegene Interesse sind individuell, wir hören aber vor allem von zwei konkreten:

  1. Verzicht auf Koffein
  2. milderen Geschmack (milder heißt hier wohl weniger bitter)

Ich habe auf meinen Aufruf in den Sozialen Medien viele Tipps bekommen, wo es guten Decaf-Kaffee gäbe. Ich habe Kaffeemuster zugeschickt bekommen und hatte tolle Gespräche.

>> Wenn ihr tolle entkoffeinierte Kaffees kennt, schreibt es gerne in die Kommentare <<

Ich bekam richtige Insider-Tipps, es fühlte sich an, als wären hier Kaffeemenschen auf einer Schatzsuche. Ich fragte mich, warum es denn überhaupt so sein muss? Warum es scheinbar nicht selbstverständlich ist, auf richtig leckeren, entkoffeinierten Decaf zu stoßen?

Ich sprach mit einigen der größten Entkoffeinierungs-Unternehmen der Welt, die mich in den Decaf-Kosmos einführten. CR3, Swiss Water, Descamex. Mit Les Révélations aus Paris, einer Rösterei die ausschliesslich Decafs röstet, sprach ich darüber, wie sehr sich das Verständnis über entkoffeinierten Kaffee zu ändern scheint, und in meiner Selbstreflektion merkte ich, dass wir Decaf einfach schlichtweg falsch verstehen.

Wie wird Kaffee entkoffeiniert?

Rohkaffee, also der Zustand von Kaffee, bevor er geröstet wird, enthält zwischen 1-1,4% Koffein bei Arabicas und zwischen 1,8-3,5% bei Canephoras (Wintgens, 2012). Der Röstvorgang hat nur marginalen Einfluss auf das Koffein, der Gehalt bleibt fast identisch zwischen Roh- und geröstetem Kaffee.

Der Prozess der Entkoffeinierung wird auf Rohkaffee angewandt, also vor dem Rösten. Es gibt verschiedene Prozesse, die sich in ihrer Schnelligkeit und Effizienz unterscheiden und den Kaffeegeschmack verschieden stark beeinflussen können.

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Allen Prozessen gleich ist, dass der Rohkaffee zum Start der Behandlung in ein geschlossenes Gefäß mit Wasser gegeben oder bedampft wird, so dass sich die Poren des Rohkaffees öffnen. Dazu kommt ein Lösungsmittel, welches das Koffein extrahieren soll.

DCM / Di-Chlor-Methan zur Entkoffeinierung

DCM, Dichlormethan, agiert dabei am Effizientesten, “ist aber nicht sehr selektiv”, so Sebastian Gabriel von CR3. Hocheffizient heisst, dass eine Charge in acht bis neun Stunden entkoffeiniert wird. Nicht sehr “selektiv” heisst, dass nicht nur Koffein, sondern auch weitere, einfach lösliche Stoffe extrahiert werden, welche dem Kaffee so verloren gehen und dies oft einen Einfluss auf die Sensorik hat.

überkritisches Co2 Verfahren zur Entkoffeinierung

Im Co2-Prozess wird Co2 als Lösungsmittel eingesetzt. In der effizienteren Methode arbeitet das CO2 überkritisch. In der überkritischen Entkoffeinierung wird hoher Druck eingesetzt, so dass der Kaffee schon die ersten Maillard-Reaktionen eingeht, also schon langsam karamellisiert und es so zu den ersten Farbveränderungen kommt.

unterkritisches Co2 Verfahren zur Entkoffeinierung

In der unterkritischen Co2-Methode wird das CO2 bei hohen Druck- und tiefen Temperaturverhältnissen in einen flüssigen Zustand versetzt, welches in Kombination mit Wasser das Koffein aufnehmen kann. Dieser Prozess dauert mehrere Tage, denn laut Sebastian Gabriel von CR3 ist Co2 “ein faules Lösungsmittel, dass ca. sechs bis sieben Tage braucht, um Koffein zu lösen.”

Wasser-Prozess zur Entkoffeinierung

In den Wasser-Verfahren wird mit einer “Lauge” gearbeitet, die ohne Lösungsmittel, sondern mit einem sogenannten Rohkaffee-Extrakt arbeitet. Dafür wird Rohkaffee A in Wasser eingelegt und danach durch eine semi-permeable Membran gepresst. Das austretende Wasser ist mit den löslichen Stoffen aus dem Rohkaffee gesättigt, die Membran aber filtert das Koffein raus. In diese entstehende “Lauge”, oder green coffee extract, wie Stacey Lynden von Swisswater sagt, wird nun der zu entkoffeinierende Rohkaffee B eingelegt. Das Extrakt geht nun nur noch auf das Koffein los.

Ethylacetat / Sugar Cane Processing zur Entkoffeinierung

In der Ethylacetat-Methode, die etwas prosaischer auch Sugar Cane Processing genannt wird, dient ein Lösungsmittel aus Ethylacetat dazu, das Koffein aus dem Rohkaffee zu extrahieren. Ethylacetat entsteht bei der Veresterung von Essigsäure und Ethanol. Weil das Lösungsmittel im Falle der Entkoffeinierung durch Descafecol in Kolumbien aus Zuckerrohr gewonnen wird, heisst es eben Sugar Cane Processing.

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Der Geschmack von entkoffeiniertem Kaffee

Wie sollte ein entkoffeinierter Kaffee schmecken? So wie ein Kaffee, der nicht entkoffeiniert wurde? Wenn wir uns darauf einigen, dann haben es Decafs richtig schwer, weil der Entkoffeinierungsprozess in den meisten Fällen spürbar ist.

Ob das nun negativ ist, kommt darauf an, was wir als Geschmacksreferenz für einen Decaf herziehen.

Ist die Referenz eines Decafs ein nicht-entkoffeinierter Kaffee, oder eben doch ein Decaf? Ist die Referenz eines alkoholfreien Bieres die eines Bieres mit Alkohol?

Im Falle von Swiss Water sagt mir Stacey Lynden, dass sie in der sensorischen Analyse der entkoffeinierten Kaffees ein Attribut haben, wie stark die Prozessnoten zu schmecken sind.

Die Kaffeewelt hat es mittlerweile geschafft, Robustas separat zu behandeln und in einer anderen Kategorie sensorisch zu besprechen - obwohl es auch ein Kaffee ist. Kapselkaffee vergleichen wir ebenfalls nicht mit einem Espresso aus einer Siebträgermaschine, weil wir wissen, dass es Unterschiede gibt.

Solange wir in der Vorstellung denken, dass wir Prozessnoten im Decaf immer abstrafen sollten, dann bleiben wir in einer ziemlichen Denkstarre hängen und übersehen vielleicht, was hinter dem Geschmack so alles steckt und darauf einen Einfluss hat.

Dabei gilt es zu sagen, dass es Prozessnoten und “Prozessnoten” gibt - der gleiche Rohkaffee, in verschiedenen Entkoffeinierungs-Methoden prozessiert, wird unterschiedlich schmecken. Die einen schwerer, die andern leichter - was aber noch viel wichtiger ist:

“Coffees with bigger personalities tend to stand out a lot more during the Decaf process”

sagt Stacey Lynden von Swiss Water Coffee, dem grössten Entkoffeinierer mit Wasser. Je charakteristischer der Rohkaffee ist, der entkoffeiniert wird, umso charakteristischer der Kaffee, wie er danach schmeckt.

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Stacey Lynden von Swiss Water aus Vancouver, Kanada

“High Quality coming in, high Quality coming out”

Den besten Decaf-Filterkaffee in meinem Decaf December hatte ich von Les Révélations, einer Rösterei aus Paris. Es war ein Natural aus Panama von Creativa Coffee District. Ich habe den mehrfach gebrüht und im Team verteilt, bekam Rückmeldungen wie “ah, Natural, woher kommt der?” - Und ich sagte einfach, “Panama, geröstet in Paris”, habe aber auf die Decaf-Info verzichtet.

Wir schmeckten die Prozessnoten nicht heraus, weil der Rohkaffee sehr charakteristisch war: Es war ein Natural, der vor dem Trocknen in geschlossenen Gefäßen fermentiert wurde. Wie Stacey Lynden von Swiss Water sagen würde: “high quality coming in, high quality coming out.”

Ja, der Entkoffeinierungsprozess gibt dem Kaffee eine Prozessnote hinzu, aber wenn das Grundmaterial charakteristisch ist, dann schmeckt man das im Einzelfall kaum.

Was macht der Entkoffeinierungs-Prozess mit dem Kaffee-Geschmack?

Der Prozess nimmt aber auch was weg, und zwar Bitterstoffe, neben dem Koffein, das auch schon bitter ist.

 “Die Säure wird ebenfalls homogenisiert”, 

sagt Sebastian Gabriel von CR3, dem größten Entkoffeinierer mit unterkritischen Co2. Oft hätten Röstereien schlechteren Rohkaffee eingekauft, diesen dann entkoffeiniert, weil der Prozess die schlechte Rohkaffeequalität etwas mildern kann. Oder etwas prosaischer: "Es kann es die schlechte Rohkaffeequalität geschmacklich sogar aufwerten, beziehungsweise dem Rohkaffee schmeicheln", so Gabriel.

Sebastian Gabriel CR3 1

Sebastian Gabriel, CR3, Bremen

Der Prozess des Entkoffeinierens nimmt dem Rohkaffee aber auch immer lösliche Verbindungen raus, zum Beispiel Fette, Kohlenhydrate, Säuren, oder aber auch Melanoidine, die einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Textur haben, wie sich also ein Kaffee auf der Zunge anfühlt.

Swiss Water Decaf in Vancouver hat einen eigenen Bewertungsbogen entworfen, um die Veränderungen vor und nach dem Prozess zu dokumentieren. Sie messen auf einer Skala von 1 bis 6, wie stark sich der Kaffee verändert hat. Sie beurteilen Geschmacksnoten, Säure und sauer, und den Körper - diesen aber teilen sie in texture (Mundgefühl) und thickness (Dicke oder Dichte).

Stacey Lynden von Swiss Water sagt dazu, dass sich der Körper des Kaffees am meisten verändert. Das habe mit dem Verlust an löslichen Verbindungen zu tun. So sind in einem entkoffeinierten Kaffee relativ gesehen mehr unlösliche Verbindungen vorhanden als lösliche. Das hat nicht nur einen Einfluss auf das Brühen, sondern eben auch auf den Geschmack.

Die Farbe: dunkler, aber nicht verbrannt

“Die Farbveränderung hat primär nichts mit der Oxidation zu tun”,

sagt mir Sebastian Gabriel von CR3. In ihrem Fall, der Entkoffeinierung mit unterkritischem CO2, sei es eine Kombination aus Druck, Hitze, Wiederbefeuchtung und erneute Trocknung des Rohkaffees, der eine Farbveränderung zur Folge hätte.

Decaf Rohkaffee Verlgleich

Links: ein unbehandelter Rohkaffee aus Äthiopien, rechts: Decaf aus Mexiko, mit Wasser entkoffeiniert 

Stacey Lynden von Swiss Water sagt dazu, dass das Green Coffee Extract, also die “Lauge” im Wasser-Verfahren, etwas von seiner Farbe im Samen absetze und der Kaffee so dunkler werde.

Die Frische: Decaf altert schneller

Allerdings, so Gabriel und Lynden beide, finde Oxidation bei entkoffeiniertem Kaffee allgemein schneller statt, weil Antioxidantien im Kaffee durch den Prozess gelöst werden. Das heisst: der Kaffee altert schneller - als Rohkaffee und als Röstkaffee.

Ein interessanter Fakt von entkoffeiniertem Kaffee ist, dass er auch bei geringer Endtemperatur in der Rösttrommel eine dunklere Farbe aufweisen kann. Sobald er gemahlen wird, ist er aber weiterhin hell - der Unterschied der äußeren und inneren Farbe ist dabei relativ groß.

Für alle nicht-entkoffeinierten Kaffees wäre das ein Hinweis auf eine ungleichmäßige Entwicklung der Bohne, im Decaf-Fall aber ist es der Prozess, der dieses Phänomen verursacht: im Prozess wird die Zellstruktur der Kaffeebohne poröser und die Kaffeeöle dringen einfacher nach draussen.

Das verändert nicht nur die Farbe, sondern lässt den Kaffee auch schneller altern. Das Gegenteil ist auch der Fall: Durch die hohe Porosität dringt Sauerstoff schneller in die Bohne rein. Das heißt: Um das Maximum an Qualität zu bekommen, solltet ihr entkoffeinierten Kaffee in kleinen Chargen kaufen und ihn jeweils frisch bis sehr frisch trinken. Während wir bei trocken aufbereiteten Kaffees bis zu drei Wochen warten, trinken wir Decafs schon nach einer Woche nach der Röstung.

Die Zubereitung von entkoffeiniertem Kaffee

Auch wenn entkoffeinierter Kaffee immer noch Kaffee ist, verändert der Prozess das Brühverhalten. In allen meinen Tests im Decaf December hatte die Wasser-, DCM- und Ethyl-Acetat-Decafs längere Extraktionszeiten in der Filterzubereitung als nicht entkoffeinierter Kaffee. Unterkritisch entkoffeinierte Co2-Kaffees verhielten sich am ähnlichsten wie nicht entkoffeinierter Kaffee, hatten also eine ähnliche Extraktionszeit im Filterkaffee.

“Die entkoffeinierte Kaffeebohne ist poröser, es resultiert eine grössere Kontaktfläche für das Wasser, die Brühung geht so länger”,

sagt mir Sebastian Gabriel von CR3. Sie vermuten, dass Decaf anders bricht in der Mühle, was wir nächstens in einer Mahlanalyse überprüfen werden.

Decaf Roestkaffee Bohnen

Die Decaf-Bohnen (links) wirken dunkler als der hell geröstete Filterkaffee aus Brasilien rechts

Decaf Roestkaffee Bohnen 1

Im gemahlenen Zustand ist der Decaf (links) kaum mehr dunkler

Stacey Lynden von Swiss Water brüht ihren Decaf-Filterkaffee deshalb mit gröberem Mahlgrad. Da der entkoffeinierte Kaffee im Prozess aber schon lösliche Verbindungen abgebaut hat, misst sie eine geringere Stärke (oder TDS) in ihrem Getränk. Stacey rät:

  • gröber mahlen
  • höher dosieren
  • kürzere Blooming-Zeit, weil der Kaffee schneller entgast

Zurück zu unserem Natural Kaffee aus Panama: der Kaffee war sehr gut und erst vor Kurzem geröstet, ich extrahierte ihn leicht überdosiert. Er zeigte kaum sensorische Anzeichen auf einen Decaf - warum ist das kein Standard?

Wegen der Menge.

Und dem Fokus.

Und dem Risiko.

Und dem Preis.

Kurzum: weil der Decaf-Markt hoch konsolidiert ist und solche Kaffees wie unser Beispiel aus Panama Nano-Geschichten in einem wenig transparenten Massenmarkt sind.

Der Decaf-Markt: undemokratisch und konsolidiert

Wer bestimmt eigentlich, welcher Rohkaffee entkoffeiniert wird?

In aller Regel sind es Handelshäuser, die von einem Entkoffeinierer (CR3, Coffein Company, Swiss Water etc.) einen bestimmten Rohkaffee, oder schon gemischte Kaffees, sogenannte Basket Blends, entkoffeinieren möchten. Sebastian Gabriel von CR3 sagte mir, dass der Entkoffeinierer nie “Inhaber der Ware, sondern nur Verarbeiter” ist.

Wenn es keine Handelshäuser sind, dann sind es Röstereien, die einen bestimmten Kaffee entkoffeiniert haben möchten. Wir haben das zum Beispiel mit der Rancho San Felipe vor ein paar Jahren so geplant: Wir haben das Kaufversprechen für 50% einer Charge entkoffeinierten Kaffees gegeben. Sie haben dann bei Descamex den Kaffee entkoffeinieren lassen, und seitdem haben wir den Kaffee als Sueño bei uns im Sortiment.

Die Chargengröße ist der Flaschenhals

Damit Descamex den Rohkaffee für die Rancho San Felipe entkoffeinierte, mussten sie dafür 50 Sack Rohkaffee anliefern, also 2500kg. Das ist die Mindestgröße, um bei Descamex Kaffee zu entkoffeinieren. Bei Swiss Water in Vancouver sind es neu 4560kg und bei CR3 sind es um die 3000kg.

Das führt zu drei Herausforderungen:

  1. Zuerst braucht ein Handelshaus, oder eine Rösterei, Kundschaft für ca. 3000kg Mindestmenge an entkoffeiniertem Kaffee. Dieses Volumen sollte relativ zügig verkauft werden, da die Lagerfähigkeit von Decaf kürzer ist als bei nicht-behandeltem Kaffee.
  2. Der Prozess ist ein Blindflug - es gibt keine Möglichkeit, ein Sample von einem bestimmten Kaffee mal kurz zu entkoffeinieren und dann zu entscheiden, ob das sensorisch interessant ist. Die 3000kg sind der Testbatch.
  3. Und nochmals Sensorik: wenn mindestens 3000kg oder mehr entkoffeiniert werden müssen, damit es sich lohnt, die Anlage laufen zu lassen, welche Kaffees werden dann prozessiert? Genau, es sind selten die Microlots, weil es nur wenig Kaffee davon gibt.

Wenig komplexe Decafs, weil die Eintrittshürde zu hoch ist

Mit Piroska Hunyadi von Révélations habe ich gescherzt, dass wir eigentlich eine 60kg-Entkoffeinierungsmaschine bräuchten, damit es attraktiv wird, ganz seltene und sensorisch komplexe Kaffees auf Mini-Skala zu entkoffeinieren.

Das erwähnte Lot aus Panama, das sie geröstet hat, war also mindestens 3000kg gross, so dass es Swiss Water entkoffeinieren konnte. Es gibt nur ganz wenige Kaffeeproduzenten, die 3000kg Kaffee auf so einem Niveau machen können, insofern ist die Eintrittshürde für tolle Kaffees in den Decaf-Markt viel zu hoch.

Ich würde so gerne ein 300kg-Lot aus Peru entkoffeinieren lassen, weil es ein Kaffee ist, den ich auch abends trinken möchte. Aber es geht nicht, weil zu wenig Kaffee da ist. Sebastian Gabriel von CR3 dazu nochmals:

“Skalieren ist ökonomisch halt viel sinnvoller. Entkoffeinieren ist Kapitalintensiv und die Sicherheits- und Umweltauflagen sind sehr hoch, was eigentlich nur eine skalierte Produktion rechtfertigt.”

Somit ist der Decaf-Markt nicht wirklich demokratisch. Solange die Batchgrössen so groß sind, und wie bei Swiss Water noch grösser werden, schaffen es kleinere Lots nicht in den Entkoffeinierungsprozess. Kaffeetrinker haben da sensorisch etwas das Nachsehen: die geschmacklich ganz komplexen Decafs wird es nicht geben, und wenn, dann nur von wenigen Farmen, die super Qualität auf großem Niveau machen können.

Eine krasse Konsolidation

Wir wissen, dass der Kaffeemarkt stark konsolidiert ist: auf der Seite des Röstkaffees sind eine Handvoll von Röstereien für 50% des angebotenen Kaffees verantwortlich. Und auf der Rohkaffee-Seite produzieren die fünf grössten Länder mehr als 80% des gesamten Rohkaffees.

Nun sieht es auf dem Decaf-Markt gar nicht so anders aus:

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Die Möglichkeiten an Entkoffeinierern, wo Handelshäuser und Röstereien ihren Kaffee prozessieren lassen können, sind stark limitiert. Der immer weiter steigende Preisdruck und die damit verbundenen Effizienzanstrengungen führen dazu, dass die Batch-Größen immer grösser statt kleiner werden. Spezielle Kaffees haben es wie erwähnt schwierig, entkoffeiniert zu werden.

Abschließende Gedanken und ein Wunsch

“Decaf Trinker sind die loyalsten aller Kunden - wenn wir es schaffen, hoch qualitativen Decaf anzubieten, machen wir einen Dienst an unseren besten Kunden”,

so Stacey Lynden von Swiss Water aus Vancouver. Ja, von einem sensorischen Standpunkt hat sie recht: Decaf-Trinker trinken Decaf wegen dem Geschmack und dem Gefühl, nicht wegen dem Koffein.

Sie sieht ein großes Potenzial für noch besseren Decaf, wie auch Sebastian Gabriel von CR3. Allen diesen Aussagen gemein ist, dass hierbei der Prozess gemeint ist, der möglichst mild ausfallen soll, so dass der verarbeitete Kaffee möglichst nah am nicht-entkoffeinierten Kaffee sein soll.

Schauen wir aber auf die Kaffeefarm, dann sieht es anders aus. Die aller wenigsten Farmen oder Produzierenden können Lots von 3000kg oder mehr produzieren, die von sensorischer Höchstqualität sind - und wenn, dann bleibt immer noch der Entscheid des Handelshauses oder der Rösterei, ob dieser Kaffee nun entkoffeiniert werden soll.

Diese Unsicherheitsfaktoren führen meines Erachtens oft dazu, dass sich Röstereien bei der Auswahl von entkoffeiniertem Kaffee eher etwas weniger mutig zeigen. Wenn sich Röstereien aber zusammentun und sich für eine gewisse Menge an Kaffee verpflichten, dann können auch sensorisch hochwertigste Kaffees entkoffeiniert werden.

Mein Wunsch wäre also eine kleine Entkoffeinierungsmaschine - eine, die 60 bis 120kg entkoffeinieren könnte. Der Markt dafür wären kleine Röstereien, die spezielle Kaffees entkoffeinieren möchten.

Keine Kopfschmerzen - und viel mehr Kaffee

Nach der ersten Woche in meinem Decaf-December verschwanden die Kopfschmerzen. Ich stand auf, trank einen Decaf Filterkaffee und startete gefühlt gleich wach wie sonst in den Tag. Ich trank Filterkaffee, als gäbe es kein Morgen, denn normalerweise höre ich zur Mitte des Nachmittags auf, Kaffee zu trinken, so dass das Koffein meinen Schlaf nicht beeinträchtigt.

Aber in meinem Decaf December habe ich jeden Abend weiter Kaffee getrunken, da die Nebenwirkungen ja keine waren. Mein Bohnenverbrauch ist um 80% angestiegen, natürlich weil ich auch verschiedene Kaffees ausprobiert habe. Mittlerweile ging der Verbrauch zurück, ich trinken regelmässig am Abend aber weiterhin Decafs als Filterkaffee, aber etwas ist geblieben: ich verspüre weniger bis gar keine Kopfschmerzen mehr am Morgen - vielleicht hat es mit der 30-Tage-Abstinenz von Koffein zu tun, vielleicht nicht, auf jeden Fall hat sich mir eine neue Welt eröffnet, die ich nicht mehr missen möchte.

Bester entkoffeinierter Kaffee

Decaf-Empfehlungen: was sind eure Tipps? Schreibt es in die Kommentare. 

Ein paar Highlights aus meinem Decaf December waren:

Mehr zu unserem entkoffeiniertem Kaffee, dem Sueño aus Mexiko:




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5 Kommentare

  • Hallo Philipp, hallo zusammen

    Da ich gerne Kaffee trinke, spätestens der dritte Espresso jedoch immer eine Art Russisch Roulet darstellte (Nervosität bis kalte Schweissausbrüche), habe ich über die letzten Wochen einige Decafs ausprobiert. Einige davon waren sehr gut (z.B. der von Miro) und es machte mir Spass, endlich auch ein paar verschiedene Espressi hintereinander zu trinken und vergleichen zu können. Gerade auch abends, wenn ich etwas mehr Zeit habe als morgens.
    Doch leider musste ich feststellen, dass ich plötzlich trotzdem irgendwie sehr wach blieb und mein Schlaf zu leiden begann. Verwundert ging ich auf Recherche und stiess auf folgenden Artikel:
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12460875/

    Der Artikel sagt in etwa (ich hoffe ihr entschuldigt meine laienhafte Zusammenfassung), dass die körperliche Reaktion auf Decaf ziemlich identisch ist, mit derjenigen von nicht entkoffeiniertem Kaffee: Der Blutdruck steigt (Hauptfokus des Papers) und das Nervensystem wird aktiviert. Mit anderen Worten: Man wird wach. Ausnahme stellen Kaffeevieltrinker dar, bei denen die Reaktion nicht gleich stark ausfällt.

    Für mich stellt Decaf also leider keine Alternative dar. Ich muss wohl oder übel einfach auf den Kaffee am Abend verzichten. Schade.

    Liebe Grüsse
    Janik
  • Meine Frau wollte in der Schwangerschaft und während der Stillzeit kein Koffein zu sich nehmen, also war ich bereit, die Bohnen aus dem Siebträger in DeCaf umzuwandeln. Wir haben gemeinsam 6 verschiedene Decaf Bohnen ausgetestet und unser klarer Favorit war aufjedenfall „Wittmann“ . Super Crema, starker Kaffeegeschmack und einfach ein Genuss. Mein Koffein Kaffee werde ich mir weiterhin auf der Arbeit genehmigen (weil der Putsch einfach nötig ist) muss aber sagen, dass ich auch regelmäßig den Decaf von Wittmann trinke und das auch in weiter Zukunft
  • Habt ihr schon mal Decaf Espresso ausprobiert/extrahiert?
  • Haloo,

    ist das pure Arabica oder gemischt mit Robusta?
  • Vielen Dank für diesen Artikel! Endlich fühle ich mich als überzeugter Decaf Trinker ernst genommen und wert geschätzt. Ich trinke tatsachlich ausschliesslich DeCaf Kaffee, weil ich das Koffein nicht so gut vertrage und auch nicht benötige. Ich bin Genusstrinker!
    Dabei entdecke ich zunehmend guten DeCaf - stets asl ganze Bohne. Das man dabei stets etwas suchen muss, liegt auf der Hand, gleicht für mich aber vielmehr einer Schatzsuche und weniger einer Verzweiflungstat.

    Dennoch danke ich für euer Plädoyer, dem DeCaf etwas mehr Beachtung und Wertschätzung zu zollen und somit auch seine Trinker ernst zu nehmen.

    Für mich ist schon seit einiger Zeit klar, dass Koffein als Geschmacksträger überbewertet wird! Kaffee ist mehr als Koffein!

    Danke, dass ihr in eurem Artikel nicht auf DeCaf Trinker nicht herabblickt, sondern ihnen bzw. ihren Bohnen auf Augenhöhe begegnet.

    Freu mich auf mehr Vielfalt an DeCaf in eurem Store.

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